Freitag, 22. Juli 2016

Der Kuss; Kunst und Leben der Camille Claudel - Anne Delbée

Autor: Anne Delbée
Titel: Der Kuss; Kunst und Leben der Camille Claudel
Originaltitel: Une Femme
Umfang: 424 Seiten
Preis: 10,00 Euro (D)
ISBN: 978 3 442 73054 4
Erschienen am: 10. Auflage März 2003
Verlag: btb 

Sie ist jung und talentiert. Schon von Kindheit an kennt sie ihre Bestimmung. Sie will formen, kneten, gestalten. Sie ist die französische Bildhauerin Camille Claudel. Auf der Suche nach Selbstverwirklichung führt sie ihr Weg nach Paris, wo sie den vieler weiterer Künstler kreuzen wird, unter anderem auch den Auguste Rodins. Obgleich großartige Meisterwerke durch ihre Hände entstehen, muss sie sich unentwegt zur Wehr setzen gegen üble Nachrede und Neider, gegen Ablehnung ihrer Person und ihrer Fähigkeiten sowie  dem Druck durch gesellschaftliche Normen des 19&20 Jahrhunderts.
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Es ist mitreißend und tragisch die Entwicklung Camille Claudels zu sehen. In den Anfangsjahren, in denen sie ihr Talent und ihre Liebe zur Kunst entdeckt, ist sie jung. Motivation und Tatendrang. treiben sie an, schüren die Rebellion gegen Mutter und Schwester. Sie ist selbstbewusst und stark, strotzt geradezu vor Kraft.   Sie setzt sich in Paris durch und beweist ihr Können, sodass schließlich Rodin und weitere Künstler auf sie aufmerksam werden. Doch das Künstlerleben ist ernüchternd, schmerzvoll, kräftezehrend. Die Unsicherheit,  der ausbleibende Erfolg und der stetige Leistungsdruck brechen schließlich selbst Camille Claudel. Der große Durchbruch bleibt aus, nach Jahren werden ihre Werke immer noch lediglich belächelt und mit Rodin in Verbindung gebracht. Das Geld reicht nicht, sodass der Hunger immer größer und ihre Behausung immer karger wird. Sie flüchtet sich in die Isolation und ist allein mit ewig kreisenden Gedanken über ihr Leben, die Ängste gebähren und sie in den Wahnsinn treiben. 
Und doch hinterlässt ihre Stärke, mit der sie bis zum Schluss ihren Mitmenschen begegnet, einen bleibenden Eindruck. Sie entspricht nicht dem damaligen Frauenbild, sondern ist ihm weit – um Jahrhunderte - voraus.
  
Besonders deutlich zeichnen sich daher die Spannungen zwischen Camille und ihrer Umwelt ab. Ewig in der Kritik von Mutter, Schwester oder der Gesellschaft geht sie dennoch ihren eigenen Weg und verfolgt ihren Traum. Sie erfüllt nicht die Erwartungen an eine junge Frau um die Jahrhundertwende. Und doch lässt sie sich nicht klein kriegen, sondern steht zu sich und ihren Wünschen.
Immer wieder muss sie sich allein durchsetzten und ihrem Umfeld trotzen. Sie steht ewig im Schatten der großen Männer und kämpft verzweifelt dagegen an. Sie wird nicht als Einzelfigur oder als selbstständige Künstlerin wahrgenommen, sondern lediglich als Assistentin Rodins oder Schwester des Schriftstellers Paul Claudel. 
Es ist erschreckend zu beobachten, wie viel Macht Männer über Frauen -  Auguste Rodin, Paul Claudel, bedeutende männliche Kunstkritiker über Camille Claudel- zu der damaligen Zeit haben. In dieser patriarchalisch geprägten Welt besteht keine große Chance für emanzipierte Frauen wie sie... und doch gibt sie nicht auf. Bis zu dem Tag, an dem ihr Bruder über ihr Leben verfügt und sie wegsperren lässt, versucht sie es mit aller Kraft.

Die Liebe zu Rodin zerreißt die junge Künstlerin. Obgleich mehr als 20 Jahre zwischen den beiden liegen, sind sie talentmäßig ebenbürtig. Sie ist seine Muse, seine Geliebte, seine Stütze und auch er die Quelle der Inspiration für einige ihrer tragischen Skulpturen.
Das Zugeständnis der in ihr aufkeimenden Liebe verändert Camille. Sie überschreitet mit Rodin die Grenzen, erfährt Leidenschaft und körperliche Lust. Sie entdeckt den menschlichen Körper und verbessert dadurch ihre Wahrnehmung, auf deren Hilfe sie für das Bildhauern angewiesen ist.
Der Kuss zwischen den beiden Liebenden wird Camille Claudels Welt für immer entscheidend prägen und verändern. Der Titel der Biographie weist auf diesem lebensverändernden Moment hin. Die Szenerie, die Anne Delbée in diesen Moment beschreibt, ist atmosphärisch und von Gefühl geradezu aufgeladen. Sie erinnert in der Wahl des Stilmittels des „heftigen Unwetters“ und „Gewitters“ an Goethes „Die Leiden des jungen Werther“.
Die Liebe, die zu Beginn noch beflügelt und Camille Raum für ihr Werken gibt, verletzt mit dem Vortgang der Zeit. Es ist ein Wettbewerb um Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit, bei dem Rodins Frau Rose Beuret schließlich gewinnen wird. Dennoch wird Rodin Camille bis zum Schluss  unterstützen, gleichwohl Camille in einen Wahn verfallen und Paranoia gegen ihren Ausbilder entwickeln wird.
Es stehen Vorwürfe des Ideenraubs als auch des Kunstwerkdiebstahl im Raum. Bis heute ist nicht klar, inwiefern die französische Bildhauerin Recht mit ihren Anschuldigungen hat. Noch zu Zeiten, in denen sie als Assistentin Rodins in seinem Atelier arbeitete, ähnelten sich die beiden stark im Stil, was oft zu Camilles Nachteil ausgelegt wurde. Bereits zu diesem Zeitpunkt spürte sie den Druck und die Ungerechtigkeiten der damaligen Kunstbranche.

Anne Delbée, Theaterregisseurin und große Bewunderin Paul Claudels, recherchierte aufgrund persönlicher Neugierde über Camille Claudel und war so fasziniert und ergriffen von ihrem Schicksal, dass sie jenes als Theaterstück „Une Femme“ (Eine Frau) verarbeitete und inszenierte. Auf dieser Grundlage entstand der Dokumentarroman, in dem sie sich selbst an den Leser wendet und von ihrer Suche erzählt.
Durch die Romanform, die die Autorin für ihre Biografie wählt, ist es dem Leser ein Leichtes, sich einen Einblick in die !mögliche! Gefühls – und Gedankenwelt der jungen Frau zu verschaffen. Gleichzeitig müssen all diese jedoch unter Vorbehalt betrachtet werden, da der Dokumentarroman sich zwar auf historische und biografische Fakten beruft, letztlich aber ein Roman bleibt und somit sich Fiktion und Fakt vermischen.
Das Buch besteht einerseits aus der Nacherzählung des Leben Claudels, andererseits aus kurzen Briefauszügen von Camille an Paul Claudel, geschrieben in der Anstalt, in der Camille Claudel die letzten 30 Jahre ihres Lebens verbingt. Zusätzlich kommentiert die Autorin stellenweise das Geschehen mit kurzen Beiträgen, in denen sie die Gefühlswelt zu verstehen und zu ergründen versucht, selbst zu Camille Claudel wird.
Der Schreibstil der Autorin ist fokussiert auf die Gefühle und die damit verbundene Wahrnehmung der Welt. Mit Hilfe des Präsens, Metaphern, zahlreichen Wortwiederholungen und kurzen Sätzen wird versucht, sich vollständig dem Leben der Künstlerin zu nähern, in die Rolle selbst hineinzuschlüpfen. Wie ein Bühnenbild wird die Szenerie Requisit um Requisit ausgebaut und dargestellt. Wirkt dieser Stil auf den ein oder anderen gekünstelt, so kann er meinerseits besonders im Mittelteil des Buches überzeugen.


Zusammengefasst: Über das Leben einer solch mutigen und starken Frau zu lesen ist mehr als inspirierend und beeindruckend. Nach kurzer Eingewöhnungsphase reißt einen der Dokumentarroman mit und entführt einen in die stürmische Welt der Camille Claudel. Auch wenn die Biografie streckenweise etwas langatmig ist oder an Spannung verliert, so bleiben dennoch ausdrucksstarke Szenen und Details in Erinnerung.

*3/5

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