Mittwoch, 31. August 2016

Der Zementgarten - Ian McEwan

Autor: Ian McEwan
Titel: Der Zementgarten
Umfang: 206 Seiten
Preis: 11,00 Euro (D)
ISBN: 978-3257206487
Erschienen am: Januar 1999
Verlag: Diogenes

Der Vater ist tot, die Mutter stirbt. Was bleibt sind 4 Kinder - Julie, 16. Jack, 15. Sue, 13. Tom, 6. -, die sich ihre eigene Ordnung schaffen. Abgekapselt von Gesellschaft und Öffentlichkeit gestalten die Geschwister den Alltag ihrer Sommerferien,  wohl wissend und doch nicht richtig begreifend, dass die verräterische Leiche im Keller langsam aber stetig verwest.

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"Ich war am Ersticken. Alles was ich anschaute, erinnerte mich an mich selbst. [...] Ich nahm jeden losen Gegenstand und verstaute ihn im Kleiderschrank, bis das Zimmer kahl war." (S.187)
Jack, der zeitgleich Protagonist und Ich-Erzähler der Geschichte ist, schildert von Beginn  an die Geschehnisse aus seiner Sicht. 
Jack ist, wie die gesamte Familie, eher der Typ Einzelgänger. Es kommt der Zeitpunkt, an dem ihm körperliche Pflege und Hygiene schlicht egal sind, dass ihn ein unangenehmer Geruch ununterbrochen umgibt, was Mutter und Schwestern schier zur Weißglut treibt. Während er die Nähe zu seinen Schwestern regelrecht sucht, geht er auf Distanz zu seiner Mutter. 
Bereits vor dem Tod der Mutter konkurriert der junge Jack mit dem Vater um die Position innerhalb der Familie. Sein Tod trifft Jack nicht. Er ist lediglich fixiert auf den Wunsch mehr Verantwortung zu übernehmen, auch, um Mitspracherecht und Kontrolle zu haben. 
Die Emotionen wechseln sich ab, sodass Jacks Gefühle verrückt zu spielen scheinen. Mal aggressiv und ruhelos, ist er im nächsten Augenblick in Erinnerung an glückliche Zeiten versunken und versetzt sich in die Vergangenheit voll Kindergeschrei und Lachen zurück. Immer wieder gibt es Momente der Selbstbetrachtung und der Frage nach dem "Wer bin ich". 


"Wie leicht es war, jemand anderer zu sein." (S. 108)
Nach dem Ableben der Mutter wird schnell sichtbar, dass sich die bisherigen "Rollen in der Familie", die die Geschwister noch zuvor besetzten, stark verändern. Besonders deutlich hervor tritt dieser Rollentausch bei Julie und Tom. Während Julie die Rolle der Mutter und somit Autoritätsperson einnimmt, so ist die Entwicklung des Nesthäkchens Tom rückläufig. Hing er vorher schon am Rockzipfel der Mutter, so verhält er sich nun im Kreis seiner Geschwister wie ein Baby und möchte stetig von Julie versorgt werden. Hinzu kommt, dass Tom ebenfalls zur Geschlechtsrolle des Mädchens wechseln möchte und von seinen älteren Schwestern mit Kleidern und Perücken ausgestattet wird. Empfindet Jack diesen Wandel vom Jungen zum Mädchen zuerst noch als unangenehm und peinlich, so greift er später auf die Argumente seiner empörten Schwestern zurück und verteidigt Toms Verkleidung gegenüber dritten. 


"Die meisten Häuser waren vollgestopft mit unbeweglichen Gegenständen, jeder an seinem Platz, und jeder mit seinen Befehlen - da hatte man zu essen, da zu schlafen, da zu sitzen. Aber an diesem ausgebrannten Ort gab es keine Ordnung, alles war verschwunden." (S.55)
Eines der Leitmotive ist die Suche nach und das Fehlen von Ordnung. Nach und nach zerfällt jegliche Struktur. Innerhalb der Familie werden übliche Muster und Regeln durchbrochen, sodass das klassische Familienbild und die damit einhergehenden Rollen aufgehoben werden. Das einzige, was gleich bleibt, sich wiederholt ist die Figurenkonstellation à la "Vater-Mutter-Kind", die die Geschwister wie automatisch zu imitieren versuchen. 
Innerhalb der vier Wände ist es dreckig und auch außerhalb beginnt das Unkraut zu wuchern und sprießen. Das Chaos verdrängt  Immer deutlicher fällt der Zerfall des Hauses, aber auch der gesamten Wohngegend auf. Somit lenkt der Autor vom Mikrokosmos Familie zum Makrokosmos Gesellschaft und verknüpft die beiden Ordnungssysteme miteinander. 


"Die Oberfläche des Zements war von einem riesigen Spalt durchzogen, an einigen Stellen bis zu einem Zentimeter breit." (S. 173)
Der Vater stirbt bei dem Versuch einen Zementgarten anzulegen. Diese Aufgabe, die nie vollendet werden wird, ist Namensgeber des Romans. Der Titel des Buches ist somit zeitgleich ein Paradoxon. Denn in einem Garten aus Zement kann nichts blühen und gedeihen. Der Zement begräbt vorerst unter sich alles Leben Diese künstliche, planmäßige wird auf Dauer jedoch nicht bestehen bleiben.
Um die Gefahr zu umgehen, dass Außenstehende nun auch vom Tod der Mutter erfahren und daraufhin das Amt einschalten, wird diese im Keller einzementiert. Eine große schwarze Kiste wird zum Sarg umfunktioniert, aufgeschüttet mit selbst gemischtem Zement. 
Doch Witterung und Zeit tun ihr übriges und der Zement beginnt zu bröckeln und zu reißen. Durch die Ritzen entweicht der Gestank und zirkuliert durch das Haus. 
Abstrakter gesehen: Geheimnisse, destruktive Dinge lassen sich nicht einzementieren oder im dunklen Keller verstecken. Sie finden immer wieder ihren Weg ins Tageslicht. 


"Sofort war ich von der Hitze wie erstickt, Schweiß prickelte mir auf der Haut. Aber ich blieb entschlossen liegen und träumte vor mich hin." (S. 181)
Über allem liegt nicht nur der Gestank der Verwesung, sondern auch eine besonders drückende Hitze. Die Sonne knallt, das Licht außerhalb des Hauses ist grell. Einer Fatamorgana oder einem Lichtfimmern gleich wirken die Ereignisse surreal. Diese von Ian McEwan  ausdrucksstarke, bedrückende Atmosphäre umgibt die gesamte Erzählung und verleiht ihr einen schalen Beigeschmack sowie das Gefühl von Schwere und Trägheit.
Diese (alb)träumerische Stimmung wird unterstützt durch Motivik und Metaphorik McEwans. So ist das Schlusswort besonders bedeutungsvoll: "War das nicht ein schöner Schlaf?" (S.206)

"Sie nahm wieder eine Brustwarze in die Finger und suchte damit meinen Mund. Wie ich daran saugte, und derselbe Schauder den Körper meiner Schwester durchlief, hörte und spürte ich einen tiefen, regelmäßigen Pulsschlag, dumpfes langsames Pochen, das aus dem Haus aufzusteigen und es zu schütteln schien." (S. 202)
Die sexuelle Neugier der Kinder ist groß. Als die Doktorspiele mit dem Tod des Vaters aufhören, findet der sexuelle Kontakt lediglich in Jacks Gedanken statt. Dennoch liegt eine gewisse Anspannung in der Luft. Als Derek, ein Verehrer Julies, auftaucht und versucht sich einen Platz in der Familie zu schaffen, beginnt der Konkurrenzkampf. Doch Derek bleibt außen vor. Er schafft es nicht die intrafamiliären Bindungen  zu brechen oder zu durchdringen. Und während Julie und Jack das erste Mal miteinander schlafen und keinen Hehl daraus machen, zertrümmert Derek sowohl Inneneinrichtung als auch den Zementsarkophag...die Überbleibsel einer Familie. 

Zusammengefasst: Ian McEwan präsentiert anhand einer Familie eine Gesellschaft,  die "Leichen im Keller versteckt hat". Eine Gesellschaft, in der sich trotz Verwilderung und Unordnung altbewährte Rollenbilder durchsetzten, wenn auch in Verbindung mit pervertierten Werten und Normen. 
McEwan erzählt eindringlich und schonungslos, übertritt Komfortzone und bricht Tabu, dass es dem Leser zu unangenehm und intensiv werden kann...denn das Hinblicken ist unumgänglich.

*4/5

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