Donnerstag, 22. September 2016

Der Trick - Emanuel Bergmann

Autor: Emanuel Bergmann
Titel: Der Trick
Umfang: 400 Seiten
Preis: 22,00 Euro (D)
ISBN: 978-3257069556
Erschienen am: Februar 2016
Verlag: Diogenes

Die Eltern von Max wollen sich scheiden lassen. Als der Vater schließlich seine sieben Sachen packt, stößt der Junge auf ein altes Überbleibsel aus der Jugendzeit seiner Eltern: Er hört zum ersten Mal von Zababatini, dem großen Zauberer des 20. Jahrhunderts.Von neuer Hoffnung erfüllt macht sich Max auf die Suche nach dem einst großen Zabbatini, um eine endgültige Trennung zu verhindern.
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Anhand von zwei Erzählsträngen baut der Autor manchmal etwas zu langsam die Geschichte auf. Dabei berichtet er einerseits vom Jungen Mosche (der in die Welt hinauszieht um sich selbst zu verwirklichen) und andererseits vom kleinen Max, (der sich auf die Suche nach einem Gegenmittel für die Auflösung seiner Familie macht). Diese Stränge setzen in zwei unterschiedlichen Zeiten an - Beginn des 20. und des 21. Jahrhunderts - und zeigen nicht nur unterschiedliche Weltbilder, sondern auch zwei unterschiedliche Bilder von ein und derselben Person:

Zabbatini wurde nicht als Zauberer geboren. Aus verworrenen Verhältnissen stammt der Junge, der im frühen Alter seine Faszination für alles Magische entdecken wird. Über Jahre kann der Leser seine Entwicklung beobachten. Man wird Zeuge seiner ersten Erfahrungen und seines Werdegangs als Zauberkünstler. 
Seine Geschichte wird einerseits von Anfang an beleuchtet, andererseits auch vom Ende her. Es wird deutlich, dass aus dem einst neugierigen Kind ein mürrischer alter Mann geworden ist. Die Gründe für diese Entwicklung bleiben jedoch erst mal verdeckt. 

Max bringt ungewollt diese Gründe ans Tageslicht. Dabei ist der eigentliche Grund seines Engagements die Hoffnung, die Scheidung seiner Eltern zu verhindern. Für dieses Ziel ist ihm kein Hindernis zu groß. Er beweist Hartnäckigkeit und vor allem großen Glauben an die Macht der Magie. Dieser kindliche und unerschütterliche Glaube hebt ihn deutlich von seinen Altersgenossen ab, denen er ansonsten in vielen Punkten gleicht. 

"Die Magie ist eine wunderschöne Lüge." (S. 158) "Die beste Lüge [...] ist die Wahrheit." (S. 235) 
Neben einfacher Taschenzauberei und simplen Zirkustricks geht es ebenfalls um Illusionen. Es geht um Ablenkung, aber auch Verschleierung der Wirklichkeit. Oder aber um die unterschiedlichsten Wahrnehmungen der niemals objektiven "Wahrheit".
Der schönste und bedeutsamste Trick Zabbatinis ist ebenfalls der Trick, der am wenigsten vom Zuschauer - dem Leser! - erwartet wird. 

Im Verlauf der Geschichte nimmt das Thema des Nationalsozialismus einen immer größeren Stellenwert ein. Ist zu Beginn lediglich am Rand die Rede von den politischen Entwicklungen in Deutschland, so muss sich Mosche mit der Zeit immer stärker mit dem Thema auseinandersetzen; zwangsweise, denn auch er hat jüdische Wurzeln. 
Emanuel Bergmann nähert sich schrittweise der Zeit des Nationalsozialismus. Erst mit dem Voranschreiten des Romans bemerkt der Leser, welchen Einfluss diese Zeit noch auf das Geschehen haben wird. Spannend werden die Folgen und Ereignisse des Holocaust erzählt, durchdacht mit der Geschichte verwoben.
In diesem thematischen Zusammenhang stehen ebenfalls die Themen Tod und Vergangenheit. Nicht nur der alte Zabbatini, sondern die meisten Erwachsenen sind stark geprägt durch die Vergangenheit. Diese Tatsache begreift Max bereits in früher Kindheit: "Das seltsamste [...] war, dass sie fast nur von Leuten sprach, die gar nicht mehr lebten. Die Toten nahmen in ihrem Leben einen weitaus größeren Stellenwert als die Lebenden ein." (S. 63f.) 

Zusammengefasst: Emanuel Bergmann schreibt anhand des Motivs "der alte Mann und das Kind" über den Glauben an ein Leben voller Wunder und Magie in Zeiten schwindender Menschlichkeit und Hoffnung. Er verknüpft dies mit den Themen "Tod" und "Vergangenheit". Stilistisch als auch vom Erzähltempo der Geschichte ist das Werk durchwachsen, mal sehr fesselnd, mal vor sich hin plätschernd.

3/5*

Mich persönlich konnte die Geschichte nicht direkt begeistern. Aufgrund des personalen Erzählers begann ich erst langsam mit Mosche warm zu werden. Bei Max erging es mir etwas besser, vor allem da der Autor sich besonders originell und authentisch in den kleinen Jungen hineinversetzt. 
Hinzu kommt, dass für mich die Ereignisse erst gegen Mitte des Buches spannender wurden (Stichwort Nationalsozialismus), dass ich mich mehr auf das Lesen freute. Der  Schlussteil also, und somit die Auflösung der Geschichte, war der für mich interessanteste, wenn auch nicht gerade realistischste Part. 
Der Schreibstil war mir an manchen Stellen zu märchenhaft gestaltet. Dennoch ließen sich das ein oder andere schöne Zitat finden. 

Dienstag, 20. September 2016

Abbitte - Ian McEwan

Autor: Ian McEwan
Titel: Abbitte
Umfang: 544 Seiten
Preis: 13,00 Euro (D)
ISBN: 978-3257233803
Erschienen am: März 2004 (22. Auflage) 
Verlag: Diogenes

Enlgand, 1935. Es ist ein heißer Sommer, als die 13jährige Briony Tallis das Leben dreier Menschen, einschlossen ihrem eigenen, für immer verändern wird. Denn als sie Zeugin mehrerer kleinerer Vorfälle wird, als sie die Zeichen der aufkeimenden Liebe zwischen dem Angestelltensohn Robbie und ihrer großen Schwester Cecilia falsch interpretiert, begeht Briony Rufmord. Und während  die Jahre vergehen und der zweite Weltkrieg ausbricht, versuchen alle Drei die schweren Folgen jenes  verhängnisvollen Sommers zu überleben.
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Die „kleine“ Briony zeichnet sich besonders durch ihre große Fantasie aus. Gleich zum Einstieg der Geschichte sitzt das Mädchen tief gebeugt über ihre Schreibmaschine und verfasst ihr erstes Theaterstück, ihrem großen Bruder zu Ehren. Zur Aufführung  wird es allerdings nie kommen, denn Briony muss auf für sie schmerzliche Weise erkennen, dass ihre Geschichte zu kindlich, zu unrealistisch ist. Sie weiß sich in der Station zwischen Kindheit und Erwachsenenwelt. Umso dringender ist sie auf der Suche nach einer neuen Geschichte und findet Gefallen an Cecilias und Robbies Beziehung, in die sie sich einmischt und die sie manipuliert. Naivität vermischt mit Unerfahrenheit und Selbstverliebtheit ist es also zu verschulden, dass Briony die Fakten verdreht und sich wie in ihren Geschichten ihre eigene Wahrheit kreiert. Sie lügt und doch lügt sie nicht, will sie selbst doch so fest an die Schuld des einen und die Unschuld des anderen glauben.
So findet Briony ihren Stoff, aus dem ihre wichtigste Geschichte gemacht sein wird. Der Preis ist hoch. Er kostet sie ihre Bindung zu Cecilia, der sie stets nacheifert, zu Robbie, der sich um sie wie um eine kleine Schwester kümmert, aber vor allem ihr Gewissen und ihre Schuldlosigkeit.

Robbie, aus mittellosem Haus, genießt das Glück mit den Kindern der Familie Tallis aufzuwachsen und von Mr. Tallis finanziell unterstützt zu werden. Er ist liebevoll und gutmütig, kennt Bescheidenheit. Neben seinem Hobby der Landschaftsgärtnerei interessiert er sich für Literatur aber auch die Medizin, der er sich in einem Studium widmen möchte. Er ist derjenige, der zuerst einen Schritt Richtung Cecilia und damit auch einen Schritt Richtung Ende macht. Das Glück, das Robbie in jendem Sommer voller Möglichkeiten empfindet, schwindet von jetzt auf gleich und bestürzt und empört. Ohne Grund (oder aus falschen Gründen) trifft es ihn. Er wird zum Leidtragenden, zum zu Unrecht verurteilten Helden.

Die scharfsinnige Cecilia nimmt im Verlauf des Romans immer weniger Raum ein, vor allem im Vergleich zu Briony. Dennoch zeichnet sich eine ständige Präsenz ihrerseits ab,  in den Gedanken der anderen beiden Figuren beispielsweise. Was deutlich hervorsticht sind Cecilias Stärke und Durchhaltevermögen. Sie besitzt eine sehr autoritäre Ausstrahlung, was nicht nur bei ihrer Berufswahl als Krankenschwester von Vorteil ist. Hingabe sowie unerschütterliches Vertrauen bringt sie Robbie entgegen. Sie beweist Rückgrat und steht bedingungslos hinter ihm, auch wenn dies heißt sich von der gesamten Familie abzuwenden. 

Ian McEwan beweist sein Können und entwirft tiefgründige und vielschichtige Figuren. Während Robbie und Cecilia die Sympathieträger sind, so lässt der Autor schließlich Briony als Protagonistin und eigentliche Erzählerin der Geschichte hervortreten, gleichwohl sie dem Leser zu aufdringlich und unangenehm erscheinen mag. Als Kind besonders nervig, so ist sie im Alter feige und schafft es lediglich in ihrer Fantasie gewisse Fehler zu begleichen.

Wenn es auch nicht ausschließlich im Mittelpunkt steht, so ist das Thema Liebe eine der tragenden Komponenten des Romans. Zu Beginn liegt eine Spannung in der Luft. Es knistert. Die Liebesbeziehung Cecilias und Robbies beruht auf flüchtigen Augenblicken, heimlichen Berührungen, unausgesprochenen Worten und großen Versprechen. Dass die beiden Figuren zueinander gehören aber nicht zueinander finden dürfen, darin besteht die große Tragik. Erst getrennt durch Gefängnis, dann durch den vom Krieg, versuchen die beiden standhaft zu bleiben und um ihre Liebe zu kämpfen. Ohne ins Kitschige abzudriften erzählt McEwen von der großen Liebe und lässt den Leser den Atem anhalten. Er lässt dabei Cecilia die entscheidenden und wunderbar ergreifenden Worte, mit denen er die Hoffnung aller schürt, finden: "Komm zurück [Robbie]. Komm zurück zu mir."

Wie bereits erwähnt wirft der Krieg seinen Schatten auf die bereits düsteren Ereignisse. Während Briony mit dem Krieg durch ihren Job als Krankenschwester konfrontiert wird, kämpft Robbie an der Front. McEwen schildert die schreckliche Zeit mehr als mitreißend. Es gibt laute Szenen voll Gewalt, Krankheit, Verletzungen und Tod, aber auch leise, in denen die Menschen ermüdet und den Krieg leid sind, sich umeinander kümmern, zuhören und trösten. 

Ein weiteres wichtiges Thema ist das der Schuld. Der Autor zeigt  wie ein Moment, das Leben für immer beeinflussen kann. Dabei beweist er Einfühlungsvermögen und schildert authentisch, wie  das restliche Leben von der Tat beherrscht und beeinflusst wird, wie  die Gedanken sich ungewollt nur noch um den Vorfall kreisen. Einem Schatten gleich folgen - in diesem Fall Briony - die Fehler der Vergangenheit, holen sie schließlich ein, werden zu ihrem Lebensinhalt.

Der internationale Bestseller wurde 2007 von Joe Wright mit Topbesetzung (Keira Knightley, James McAvoy, Benedict Cumberbatch uva.) verfilmt. Fast bis zum Schluss hält sich der Regisseur sehr stark an die Romanvorlage und weicht lediglich am Ende ab, indem er den Inhalt, anders als der Autor, nicht darstellt sondern erzählen lässt. 
Die Verfilmung überzeugt mit großartigen und stimmungsgeladenen Bildern, talentierten Schauspielern und großen Gefühlen, aber vor allem einer großartigen Filmmusik. Nicht umsonst gewann Dario Marianelli einen Oscar für den besten Filmsoundtrack. Er unterstreicht die unruhige und gespannte Atmosphäre perfekt. Ebenso genial ist das Leitmotiv der tippenden Schreibmaschine, der klackenden Tasten. Das Geräusch, dem Rhythmus einer  tickenden Uhr gleich, wird immer wieder aufgegriffen in den verschiedensten Formen und großartig eingebaut in die Musik. Dieser langsam anschwellende Laut ist die Maschinerie, die treibende Kraft die hinter allem steckt, auch Schicksal genannt. Unaufhaltsam nimmt es seinen Lauf. Es geht ohne Pause voran, marschiert im Gleichschritt Richtung Zukunft. 

Zusammengefasst: Ian McEwan beschreibt in seinem Roman eine Familie, die auseinander gerissen, und ein Paar, das entzweit wird durch die bloßen Worte eines Kindes. Vor der Kulisse des 2. Weltkrieges geht es neben dem großen Thema "Liebe" um Schuld und um Reue. Am Anfang vom Autor etwas zu detailliert und langatmig, ab dem Mittelpart aber genau richtig, d.h. spannend und mitreißend, erzählt. Eine besondere und sich von der Masse abhebende Liebesgeschichte, die lesenswert ist!

Ich persönlich bin nachhinein sehr beeindruckt von der Geschichte. Ich hatte allerdings meine Schwierigkeiten mit Briony. Ich konnte die Abscheu gegen die kleine verwöhnte Nervensäge einfach nicht abschütteln. Noch besser hätte mir die Geschichte gefallen, wenn die Liebesgeschichte  oder Cecilias späteres Gefühlsleben noch mehr Raum, Briony dafür weniger, bekommen hätten.
Im Film ist dieses Verhältnis ausgewogener und übertrifft in Punkt Atmosphäre und Tragik den Roman, sodass die Verfilmung mir mehr Begeisterung und Gefühl entlocken konnte.

*4/5

Mittwoch, 7. September 2016

Spinner - Benedict Wells

Autor: Benedict Wells
Titel: Spinner
Umfang: 316 Seiten
Preis: 12,00 Euro (D)
ISBN: 978-3257243840
Erschienen am: Neuauflage August 2016
Verlag: Diogenes

Seit über einem Jahr wohnt Jesper Lier nun schon in Berlin. Nach dem Abitur noch von großen Träumen und Wünschen angetrieben, sieht der Alltag im Vergleich dazu trist und farblos aus. Während andere 20-jährige das Leben auszukosten scheinen, eckt Jesper stetig an und ist auf Kriegsfuß mit seinen Mitmenschen, mit der ganzen Gesellschaft. Rückblickend erzählt Jesper dem Leser aus seinem Leben, von der entscheidenden Woche in Berlin, in der er durch die Stadt streift und lebensverändernde Entscheidungen treffen muss.
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"Und plötzlich stellte ich mir eine Frage, auf die ich einfach keine Antwort fand: Wer war eigentlich dieser langweilige und traurige Kerl, zu dem ich geworden war?" (S.49)
Jesper Lier hebt sich auf den ersten Blick stark von der Masse ab. Er lebt allein und zurückgezogen in einer Einzimmerwohnung, die eher an ein Kellerloch erinnert. Dort versucht er sich im Schreiben, tüftelt seit Jahren an seinem Roman "Der Leidensgenosse". Obwohl er gerade mal 20 Jahre jung ist, fühlt er sich furchtbar alt und ausgelaugt.  Über ernste und schwierige Themen redet er sehr ungern, weicht dem Konflikt eher aus und überspielt Unsicherheiten und Ängste mit dummen Witzchen. Jesper Lier ist sehr launenhaft. Mal laut, sehr wütend und agressiv, dann wiederum  kindlich, kindisch und nur am Scherzen, oder aber sehr isoliert, sensibel und verletzlich. Er agiert sehr impulsiv und trägt seine Gemütsverfassung offen zutage, sodass das ein oder andere Drama in der Öffentlichkeit nicht ausbleibt. Dem Titel gleich nimmt sich Jesper somit gelegentlich aus den Augen der anderen als "Spinner" wahr, oder wird direkt als solcher beschimpft.

"Zäh war er, und noch immer wollte er mich töten. Ich schoss erneut. [...] Und in diesem Moment wurde mir klar, dass der Wolf - einsam, hungrig und um sein Leben kämpfend - nichts anderes war als mein Spiegelbild." (S. 262)
Das Motiv des "einsamen Wolfes"  bindet der Autor immer wieder in die Geschichte, in Form von Albträumen und Tagträumen, ein, bis es schließlich zur "Konfrontation", zum Kampf "Auge in Auge" kommt. Jesper erkennt die Kongruenz zwischen sich und dem wilden Tier, was die endgültige Übereinstimmung der Eigenschaften bestätigt.
Denn gleich einem Wolf zieht er durch die Großstadt, geplagt von Verfolgungswahn und Angstzuständen. Er drängt sich selbst ins Abseits, indem er alles und jeden kritisiert und jeglichen Annäherungsversuch schließlich abweißt und mögliche Freunde von sich stößt. Durch diese Flucht in die Isolation schafft er es, die Konfrontation mit sich selbst, sprich seinen Problemen und Sorgen und bitter nötigen Zukunftsplänen, zu vermeiden.
Ohne es wirklich zu wissen führt der Protagonist einen Kampf gegen sich selbst. Er läuft davon und beurteilt und bewertet andere, ohne sich selbst dabei ins Auge zu nehmen. Indem er die anderen meint zu belügen, belügt er eigentlich hauptsächlich sich selbst.

"Ich will keine Entscheidungen mehr treffen., ich hab das so satt." (S.167)
Berlin ist ein Auffangbecken für Menschen Allerart. Besonders gerühmt wird die Hauptstadt für ihre "Toleranz", weswegen sie besonders attraktiv ist für AndersDenker, Quereinsteiger oder Aussteiger, Künstler, Experimentierfreudige, Nachtschwärmer... für jeden und das schon seit den 90ern, in denen der Roman vermutlich spielt. Doch nicht jeder findet auch die Balance zwischen Einsamkeit und Freiheit. Der Protagonist selbst beschreibt sich selbst als "gestrandet", ist nicht mehr begeistert vom Erscheinungsbild "Berlin". Und so harrt er aus, macht nichts ganzes und nichts halbes. Wie gelähmt ist er nicht fähig zu handeln, geschweige denn Entscheidungen zu treffen.
Der Autor befasst sich mit einem ernsten Thema und großen Problem, das ewig aktuell ist. Er zeigt die Suche junger Menschen nach dem eigenen Ich und dem eigenen Weg, dem eigenen Platz in der Welt. Sobald die Schule und somit der von der Gesellschaft eingezeichnete Pfad verlassen werden muss, stehen viele junge Menschen vor der großen Frage: "Und was nun?". Wie schwierig und nervenaufreibend die nachfolgende Zeit ist, das stellen vermutlich mehr Menschen fest als man denkt.

"Du bist gefangen in einer Welt zwischen Träumen und Realität. Alles ist möglich und nichts ist wirklich, und am Ende stellst du fest, dass es verlorene Zeit ist." (S.268)
Mit der Zeit verschwimmen Traum und Realität, gehen für Jesper nahtlos ineinander über. So kann er bald nicht mehr zwischen Fiktion und Wirklichkeit unterscheiden. Er ist gefangen in seiner eigenen Welt, hängt fest zwischen ehemaligen Wünschen und Hoffnungen und den eigentlichen Tatsachen. Der Protagonist und handlungsunfähig. Die unbewusste Ohnmacht verhindert jeglichen Fortschritt
Wells vermittelt anschaulich dieses Gefühl der Ohnmacht und dem Druck, das bestmöglichste aus seinem Leben machen zu wollen. Fühlt sich der Ältere Leser zurück in diese Zeit "in der Schwebe" versetzt, so spricht er dem jungen Leser aus der Seele.

"Ich hatte den Tod ohnehin nicht verdient, ich konnte ihn doch gar nicht bezahlen, denn er kostete das Leben, und davon hatte ich noch viel zu wenig." (S. 128)
Auch die Schwere des Todes lastet auf Jesper Liers Schultern. Menschen aus seinem Leben vor Berlin sterben oder sind bereits gestorben, was Jesper immer wieder aus der Bahn wirft. Die Angst des Verlassen-werdens und Verlassen-seins summiert sich, ist ein weiterer wichtiger Punkt auf der Problemliste.
Der Autor lässt die Hauptfigur mit Depressionen und vielen düsteren Gedanken um den Tod kämpfen. Diese dunkle Stimmung wird allerdings immer wieder schnell abgelöst, denn auf den Todeswunsch folgt die Lust auf ein langes, im besten Fall erfülltes Leben.
(Das Motiv des "sensiblen Künstlers mit dem einzigen Ausweg: Tod" erinnert darüber hinaus entfernt an Goethes Werther.)

"Es ist der Fluch der Jugend, dass man glaubt, ständig zu leiden. Doch wenn diese Zeit vorbei ist, stellt man verwundert fest, dass man sie geliebt hat. Und dass sie nie mehr zurück kommt." (S.315)
Junge Anti-Helden gibt es viele. Doch egal ob sie Holden Caulfield oder Jesper Lier heißen, die größte Gemeinsamkeit liegt im Dauergefühl des Leidens. Ob Oma, Vater oder Onkel, oft wird in großen Tönen und Enthusiasmus von der Jugend erzählt. Die zu diesem Zeitpunkt Jugendlichen jedoch reagieren genervt auf die immer gleichen Tiraden. Denn während Oma, Vater oder Onkel ihren Weg vermeidlich schon gefunden haben, so muss sich der junge Mensch erst zurechtfinden im Supermarkt der Möglichkeiten. Man fühlt sich überfordert und unwohl: Man leidet.
Auch Benedict Wells beschreibt diesen Gemütszustand, der bei vielen jungen Menschen auftritt. Besonders gut gelungen ist ihm hierbei das Resümee: Er lässt Jesper über die Zeit der Jugend hinausblicken und gibt ihr ein Verfallsdatum. Er beschreibt die unschöne und gefährliche Seite der Jugend, sprich der Möglichkeit sich selbst zu verlieren. Er führt dem Leser aber auch all die Freiheiten und Optionen vor Augen, die dem älteren, an Verpflichtungen gebundenen Menschen nicht mehr zur Verfügung stehen.

"Es klingt hart, aber am Ende schien er auch nur einer dieser mutlosen Leute zu sein, die hinter dem Geld her sind und ihre Träume aufgegeben haben. Ich glaube, vor allem diese Traum - und Phantasielosigkeit konnte ich nie akzeptieren, ich fühlte mich verraten." (S.70) ... "Die warten alle bloß, dass ich auf Sicherheit setze und mich anpasse - wie mich das ankotzt." (S.84) ... "Das sagte ich mir jeden Tag. Ich war keiner von ihnen." (S. 20)
Immer wieder im Fokus der jugendlichen Kritik: Die verlogene (phony) Gesellschaft, in der Erwachsene die wahren Dinge aus den Augen verloren zu haben scheinen. Die Wertevorstellungen haben sich verändert. Es geht nicht mehr um Träume und Kreativität, sondern um Konsum, um Geld, um Macht. Das Spießertum der immer gleich langweiligen Erwachsenen lässt grüßen.
Für den empfindsamen (Anti-)Helden der Geschichte ist diese Welt der Erwachsenen verwerflich, nicht zu ertragen, mehr als schmerzhaft. Gleich Salingers "Der Fänger im Roggen" ist lediglich der Jugendliche, der im Übergang von der Kinderwelt zur Erwachsenenwelt steckt, fähig, diese negative Entwicklung zu sehen. Es findet eine brutale Desillusionierung statt und das einzige, wozu der (Anti-)Held danach noch fähig ist, ist eine totale Ablehnung und Boykottierung.

"[...] wenn nicht noch ein Wunder passiert, dann geht mein Leben wohl den Bach runter. Das einzige, was ich jetzt noch tun kann, ist, es wie einen Unfall aussehen zu lassen." (S.50)
Trotz der Traurigkeit als auch den ernsten Themen, die sich zwischen den Zeilen tummeln, verpackt der Autor das Ganze gleich einer Tragikomödie. Benedict Wells schafft es, durch die  sehr amüsante Erzählstimme des Jesper Lier eine rhetorische Leichtigkeit mit der thematischen Schwere zu verbinden, in der die Leichtigkeit schließlich die Überhand gewinnt. So muss man oft schmunzeln oder lachen über die Wahrnehmung und das Verhalten Liers, das oftmals sehr komisch und lustig verrückt ist.

"Alles nur Schein, ich glaube sogar, dass Sie den wahren Kern Ihres Romans selbst nicht kennen" (S.213)
Spinner ist Benedict Wells Erstlingsroman, der allerdings nicht als erstes veröffentlicht wurde. Das erste Mal 2009 erschienen, gibt es nun eine überarbeitete Fassung ab Oktober 2016 zu kaufen. Im Vergleich zu seinem letzten Werk fallen nicht nur thematische Überschneidungen (Tod, Liebe, Existentielle Fragen wie die Suche nach dem eigenen Ich) auf, sondern natürlich auch rhetorische Unterschiede. Während der Erzählstil lockerer und jugendlicher ist, so sind Metaphorik und die damit verbundenen Schlüsse weniger subtil (siehe Wolfsmotiv). Nichtsdestotrotz bietet Spinner, das Wells mit gerade mal 19 Jahren schrieb, eine tolle Geschichte, ausgewogen an jugendlichem Charme, Situationskomik und der ernsthaften Identitässuche.

Zusammengefasst: Benedict Wells erzählt von der Odyssee eines Außenseiters, einem empfindsamen Anti-Helden auf der Suche nach seinem Platz in der Welt. Mit Witz und Charme greift Wells den Stoff des jugendlichen Aussteigers wieder auf und lässt seinen Protagonisten ehrlich und überzeugend von einer der schwierigsten, vielleicht der schwierigsten Zeit des Lebens erzählen.

5/5*