Mittwoch, 7. September 2016

Spinner - Benedict Wells

Autor: Benedict Wells
Titel: Spinner
Umfang: 316 Seiten
Preis: 12,00 Euro (D)
ISBN: 978-3257243840
Erschienen am: Neuauflage August 2016
Verlag: Diogenes

Seit über einem Jahr wohnt Jesper Lier nun schon in Berlin. Nach dem Abitur noch von großen Träumen und Wünschen angetrieben, sieht der Alltag im Vergleich dazu trist und farblos aus. Während andere 20-jährige das Leben auszukosten scheinen, eckt Jesper stetig an und ist auf Kriegsfuß mit seinen Mitmenschen, mit der ganzen Gesellschaft. Rückblickend erzählt Jesper dem Leser aus seinem Leben, von der entscheidenden Woche in Berlin, in der er durch die Stadt streift und lebensverändernde Entscheidungen treffen muss.
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"Und plötzlich stellte ich mir eine Frage, auf die ich einfach keine Antwort fand: Wer war eigentlich dieser langweilige und traurige Kerl, zu dem ich geworden war?" (S.49)
Jesper Lier hebt sich auf den ersten Blick stark von der Masse ab. Er lebt allein und zurückgezogen in einer Einzimmerwohnung, die eher an ein Kellerloch erinnert. Dort versucht er sich im Schreiben, tüftelt seit Jahren an seinem Roman "Der Leidensgenosse". Obwohl er gerade mal 20 Jahre jung ist, fühlt er sich furchtbar alt und ausgelaugt.  Über ernste und schwierige Themen redet er sehr ungern, weicht dem Konflikt eher aus und überspielt Unsicherheiten und Ängste mit dummen Witzchen. Jesper Lier ist sehr launenhaft. Mal laut, sehr wütend und agressiv, dann wiederum  kindlich, kindisch und nur am Scherzen, oder aber sehr isoliert, sensibel und verletzlich. Er agiert sehr impulsiv und trägt seine Gemütsverfassung offen zutage, sodass das ein oder andere Drama in der Öffentlichkeit nicht ausbleibt. Dem Titel gleich nimmt sich Jesper somit gelegentlich aus den Augen der anderen als "Spinner" wahr, oder wird direkt als solcher beschimpft.

"Zäh war er, und noch immer wollte er mich töten. Ich schoss erneut. [...] Und in diesem Moment wurde mir klar, dass der Wolf - einsam, hungrig und um sein Leben kämpfend - nichts anderes war als mein Spiegelbild." (S. 262)
Das Motiv des "einsamen Wolfes"  bindet der Autor immer wieder in die Geschichte, in Form von Albträumen und Tagträumen, ein, bis es schließlich zur "Konfrontation", zum Kampf "Auge in Auge" kommt. Jesper erkennt die Kongruenz zwischen sich und dem wilden Tier, was die endgültige Übereinstimmung der Eigenschaften bestätigt.
Denn gleich einem Wolf zieht er durch die Großstadt, geplagt von Verfolgungswahn und Angstzuständen. Er drängt sich selbst ins Abseits, indem er alles und jeden kritisiert und jeglichen Annäherungsversuch schließlich abweißt und mögliche Freunde von sich stößt. Durch diese Flucht in die Isolation schafft er es, die Konfrontation mit sich selbst, sprich seinen Problemen und Sorgen und bitter nötigen Zukunftsplänen, zu vermeiden.
Ohne es wirklich zu wissen führt der Protagonist einen Kampf gegen sich selbst. Er läuft davon und beurteilt und bewertet andere, ohne sich selbst dabei ins Auge zu nehmen. Indem er die anderen meint zu belügen, belügt er eigentlich hauptsächlich sich selbst.

"Ich will keine Entscheidungen mehr treffen., ich hab das so satt." (S.167)
Berlin ist ein Auffangbecken für Menschen Allerart. Besonders gerühmt wird die Hauptstadt für ihre "Toleranz", weswegen sie besonders attraktiv ist für AndersDenker, Quereinsteiger oder Aussteiger, Künstler, Experimentierfreudige, Nachtschwärmer... für jeden und das schon seit den 90ern, in denen der Roman vermutlich spielt. Doch nicht jeder findet auch die Balance zwischen Einsamkeit und Freiheit. Der Protagonist selbst beschreibt sich selbst als "gestrandet", ist nicht mehr begeistert vom Erscheinungsbild "Berlin". Und so harrt er aus, macht nichts ganzes und nichts halbes. Wie gelähmt ist er nicht fähig zu handeln, geschweige denn Entscheidungen zu treffen.
Der Autor befasst sich mit einem ernsten Thema und großen Problem, das ewig aktuell ist. Er zeigt die Suche junger Menschen nach dem eigenen Ich und dem eigenen Weg, dem eigenen Platz in der Welt. Sobald die Schule und somit der von der Gesellschaft eingezeichnete Pfad verlassen werden muss, stehen viele junge Menschen vor der großen Frage: "Und was nun?". Wie schwierig und nervenaufreibend die nachfolgende Zeit ist, das stellen vermutlich mehr Menschen fest als man denkt.

"Du bist gefangen in einer Welt zwischen Träumen und Realität. Alles ist möglich und nichts ist wirklich, und am Ende stellst du fest, dass es verlorene Zeit ist." (S.268)
Mit der Zeit verschwimmen Traum und Realität, gehen für Jesper nahtlos ineinander über. So kann er bald nicht mehr zwischen Fiktion und Wirklichkeit unterscheiden. Er ist gefangen in seiner eigenen Welt, hängt fest zwischen ehemaligen Wünschen und Hoffnungen und den eigentlichen Tatsachen. Der Protagonist und handlungsunfähig. Die unbewusste Ohnmacht verhindert jeglichen Fortschritt
Wells vermittelt anschaulich dieses Gefühl der Ohnmacht und dem Druck, das bestmöglichste aus seinem Leben machen zu wollen. Fühlt sich der Ältere Leser zurück in diese Zeit "in der Schwebe" versetzt, so spricht er dem jungen Leser aus der Seele.

"Ich hatte den Tod ohnehin nicht verdient, ich konnte ihn doch gar nicht bezahlen, denn er kostete das Leben, und davon hatte ich noch viel zu wenig." (S. 128)
Auch die Schwere des Todes lastet auf Jesper Liers Schultern. Menschen aus seinem Leben vor Berlin sterben oder sind bereits gestorben, was Jesper immer wieder aus der Bahn wirft. Die Angst des Verlassen-werdens und Verlassen-seins summiert sich, ist ein weiterer wichtiger Punkt auf der Problemliste.
Der Autor lässt die Hauptfigur mit Depressionen und vielen düsteren Gedanken um den Tod kämpfen. Diese dunkle Stimmung wird allerdings immer wieder schnell abgelöst, denn auf den Todeswunsch folgt die Lust auf ein langes, im besten Fall erfülltes Leben.
(Das Motiv des "sensiblen Künstlers mit dem einzigen Ausweg: Tod" erinnert darüber hinaus entfernt an Goethes Werther.)

"Es ist der Fluch der Jugend, dass man glaubt, ständig zu leiden. Doch wenn diese Zeit vorbei ist, stellt man verwundert fest, dass man sie geliebt hat. Und dass sie nie mehr zurück kommt." (S.315)
Junge Anti-Helden gibt es viele. Doch egal ob sie Holden Caulfield oder Jesper Lier heißen, die größte Gemeinsamkeit liegt im Dauergefühl des Leidens. Ob Oma, Vater oder Onkel, oft wird in großen Tönen und Enthusiasmus von der Jugend erzählt. Die zu diesem Zeitpunkt Jugendlichen jedoch reagieren genervt auf die immer gleichen Tiraden. Denn während Oma, Vater oder Onkel ihren Weg vermeidlich schon gefunden haben, so muss sich der junge Mensch erst zurechtfinden im Supermarkt der Möglichkeiten. Man fühlt sich überfordert und unwohl: Man leidet.
Auch Benedict Wells beschreibt diesen Gemütszustand, der bei vielen jungen Menschen auftritt. Besonders gut gelungen ist ihm hierbei das Resümee: Er lässt Jesper über die Zeit der Jugend hinausblicken und gibt ihr ein Verfallsdatum. Er beschreibt die unschöne und gefährliche Seite der Jugend, sprich der Möglichkeit sich selbst zu verlieren. Er führt dem Leser aber auch all die Freiheiten und Optionen vor Augen, die dem älteren, an Verpflichtungen gebundenen Menschen nicht mehr zur Verfügung stehen.

"Es klingt hart, aber am Ende schien er auch nur einer dieser mutlosen Leute zu sein, die hinter dem Geld her sind und ihre Träume aufgegeben haben. Ich glaube, vor allem diese Traum - und Phantasielosigkeit konnte ich nie akzeptieren, ich fühlte mich verraten." (S.70) ... "Die warten alle bloß, dass ich auf Sicherheit setze und mich anpasse - wie mich das ankotzt." (S.84) ... "Das sagte ich mir jeden Tag. Ich war keiner von ihnen." (S. 20)
Immer wieder im Fokus der jugendlichen Kritik: Die verlogene (phony) Gesellschaft, in der Erwachsene die wahren Dinge aus den Augen verloren zu haben scheinen. Die Wertevorstellungen haben sich verändert. Es geht nicht mehr um Träume und Kreativität, sondern um Konsum, um Geld, um Macht. Das Spießertum der immer gleich langweiligen Erwachsenen lässt grüßen.
Für den empfindsamen (Anti-)Helden der Geschichte ist diese Welt der Erwachsenen verwerflich, nicht zu ertragen, mehr als schmerzhaft. Gleich Salingers "Der Fänger im Roggen" ist lediglich der Jugendliche, der im Übergang von der Kinderwelt zur Erwachsenenwelt steckt, fähig, diese negative Entwicklung zu sehen. Es findet eine brutale Desillusionierung statt und das einzige, wozu der (Anti-)Held danach noch fähig ist, ist eine totale Ablehnung und Boykottierung.

"[...] wenn nicht noch ein Wunder passiert, dann geht mein Leben wohl den Bach runter. Das einzige, was ich jetzt noch tun kann, ist, es wie einen Unfall aussehen zu lassen." (S.50)
Trotz der Traurigkeit als auch den ernsten Themen, die sich zwischen den Zeilen tummeln, verpackt der Autor das Ganze gleich einer Tragikomödie. Benedict Wells schafft es, durch die  sehr amüsante Erzählstimme des Jesper Lier eine rhetorische Leichtigkeit mit der thematischen Schwere zu verbinden, in der die Leichtigkeit schließlich die Überhand gewinnt. So muss man oft schmunzeln oder lachen über die Wahrnehmung und das Verhalten Liers, das oftmals sehr komisch und lustig verrückt ist.

"Alles nur Schein, ich glaube sogar, dass Sie den wahren Kern Ihres Romans selbst nicht kennen" (S.213)
Spinner ist Benedict Wells Erstlingsroman, der allerdings nicht als erstes veröffentlicht wurde. Das erste Mal 2009 erschienen, gibt es nun eine überarbeitete Fassung ab Oktober 2016 zu kaufen. Im Vergleich zu seinem letzten Werk fallen nicht nur thematische Überschneidungen (Tod, Liebe, Existentielle Fragen wie die Suche nach dem eigenen Ich) auf, sondern natürlich auch rhetorische Unterschiede. Während der Erzählstil lockerer und jugendlicher ist, so sind Metaphorik und die damit verbundenen Schlüsse weniger subtil (siehe Wolfsmotiv). Nichtsdestotrotz bietet Spinner, das Wells mit gerade mal 19 Jahren schrieb, eine tolle Geschichte, ausgewogen an jugendlichem Charme, Situationskomik und der ernsthaften Identitässuche.

Zusammengefasst: Benedict Wells erzählt von der Odyssee eines Außenseiters, einem empfindsamen Anti-Helden auf der Suche nach seinem Platz in der Welt. Mit Witz und Charme greift Wells den Stoff des jugendlichen Aussteigers wieder auf und lässt seinen Protagonisten ehrlich und überzeugend von einer der schwierigsten, vielleicht der schwierigsten Zeit des Lebens erzählen.

5/5*

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